Das Poi-Universum als Kreis im Kreis im Kreis
Fast jedes Poi-Muster ist ein Epizykel: Der Körper trägt einen Ankerpunkt, der Anker trägt die kreisende Hand, die Hand trägt den Poi-Kopf. Drei ineinandergeschachtelte Kreise — und was du siehst, entscheidet allein das Verhältnis ihrer Umlaufzahlen. Steht der Anker still, siehst du Flowers. Wandert er mit, entstehen Weaves, CAPs und Muster, für die es noch keine Namen gibt.
Kreis 1 · Anker. Der Punkt, um den dein Arm arbeitet. Steht er fest an der Schulter, bekommst du die klassischen Flowers. Wandert er — quer über den Körper beim Weave, im Kreis bei CAPs — verschiebt sich das ganze Muster mit und faltet sich zu Formen auf, die aus einem festen Anker heraus gar nicht entstehen können. Genau hier lag bisher die Lücke: Mit unbeweglichem Anker fehlt die Hälfte der Poi-Landschaft.
Kreis 2 · Hand. Die Kreisbahn der Hand um den Anker. Radius 0 = statischer Spin, größerer Radius = Extension, Isolation, Flower-Basis. Die graue Spur auf der Bühne zeigt sie.
Kreis 3 · Poi-Kopf. Der Kopf um die Hand, Radius = Kettenlänge. Sein Umlaufverhältnis zur Hand ist der eigentliche Muster-Schalter.
Mathematisch ist das ein Trochoid: Position = Anker(t) + Hand(t) + Kopf(t), jeder Term ein Kreis mit eigener Frequenz. Weil sich Kreise addieren, ist jedes Poi-Muster eine dreigliedrige Fourier-Reihe — deshalb reichen drei Regler für Hunderte Formen.
Bisher gab es nur ganzzahlige Petals. Die Formeln Antispin: r = −(n−1) und Inspin: r = n+1 sind aber nur zwei Punkte auf einer durchgehenden Skala. Der Regler Poi : Hand setzt das Verhältnis frei als Bruch p/q.
Ist q = 1, schließt sich das Muster nach einem Handkreis. Bei q = 2 braucht es zwei Umläufe — das Muster ist doppelt so lang und verschränkt sich mit sich selbst. Das sind die halbzahligen Flowers, die kein Standard-Tutorial benennt und die im festen Raster schlicht nicht vorkamen. Die Zahl in der Bühnen-Zeile sagt dir, nach wie vielen Handkreisen sich alles wiederholt.
Negatives p = Poi dreht gegen die Hand (Antispin-Familie), positives = mit der Hand (Inspin-Familie). Der Übergang bei p = 1 ist die Extension, bei p = −1 die Isolation.
Wall Plane — parallel zum Publikum, wie an eine unsichtbare Wand gemalt. Die Show-Ebene: Von vorne volle Kreise und Flowers. Grundlage für Weaves, Butterflies und die meisten Wraps.
Wheel Plane — wie zwei Fahrradräder links und rechts vom Körper. Von der Seite ein Kreis, von vorne nur eine auf- und ablaufende Linie. Heimat von Forward/Backward Weave und Fountain.
Horizontal Plane — flach wie eine Tischplatte, über dem Kopf oder auf Hüfthöhe. Nur von oben ein Kreis. Helikopter, Buzzsaw-Varianten, Übergänge in Tosses.
Die Regler Yaw und Pitch drehen die Ebene stufenlos dazwischen. Reale Muster leben selten exakt in einer der drei Normebenen — jede Diagonale zwischen Wall und Wheel ist eine eigene, spielbare Ebene. Die Bühne blickt immer senkrecht darauf, die drei kleinen Ansichten zeigen, wie es aus Publikums-, Profil- und Vogelperspektive aussieht.
Spiral Wrap — die Kette wickelt sich um einen Punkt und wieder ab. Weil die wirksame Kettenlänge schrumpft, wird die Drehung schneller — derselbe Effekt wie bei der Pirouette im Eiskunstlauf (Drehimpulserhaltung). Kürzere Kette = engere, schnellere Spirale.
Pendulum — der Poi schwingt statt zu rotieren. Basis für Low-Flow und Übergänge. In Split-Timing schwingen beide Seiten gegeneinander wie ein Metronom.
Stall & Turn — der Poi bremst am oberen Punkt bis zum Stillstand ab und kehrt die Richtung um. Der Moment der Stille ist der Trick: Dort wechselst du Ebene, Richtung oder Pattern, ohne dass es jemand sieht.
Toss — nach zwei Umdrehungen fliegt der Poi frei nach oben und wird wieder gefangen. Beachte die Aufsicht: Während des Flugs steht der Kopf dort fast still — ein Wurf ist eine rein vertikale Geschichte.
Diese vier sind keine reinen Epizykel: Wrap und Toss haben ein Gedächtnis (die aufgewickelte Kette, die Flugphase), deshalb gibt es für sie kein geschlossenes Vollmuster — die Bühne schaltet dort automatisch auf Lichtspur.
Weave und CAP sind Näherungen. Ein echter 3-Beat-Weave ist kein sauberer Epizykel, sondern ein Handwechsel über die Körpermitte mit Beat-Zählung. Hier wird der Anker auf eine Pendelbahn gesetzt — das trifft die Geometrie der Kopfbahn gut und macht sichtbar, wie stark die Anker-Wanderung das Muster prägt, ersetzt aber nicht das Zählen der Beats.
Trainings-Tipp: Stell dich vor einen Spiegel (= Front-Ansicht) und film dich einmal von der Seite. Wenn die Linie in den „falschen" Ansichten dick wird, kippt deine Ebene. Bei Flowers gilt: Erst die Hand-Bahn sauber kreisen lassen (graue Spur!), der Poi folgt.
Tastatur: 1 2 3 Ebene · q w e r t Spin/Extension/Isolation/Antispin/Inspin · y x Weave/CAP · ←→ Poi-Verhältnis · ↑↓ Nenner · Leertaste Pause · d würfeln.